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http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27766/1.html
TELEPOLIS
Teure Nahrungsmittel
Gerhard Klas 23.04.2008
Die Gründe der Nahrungsmittelkrise reichen in die Geschichte zurück, trotz
Warnungen werden von Weltbank, FAO oder
WTO aber keine grundsätzlichen Änderungen erwogen
"In einem Radio-Interview in den USA wurde ich gefragt, was der
US-amerikanische Präsident tun könne, um den indischen
Bauern zu helfen. Es war eine Life-Sendung und meine Antwort lautete:
"Lasst uns am besten in Ruhe." Wenn sich Europa
und die USA nicht länger bei uns einmischen würden, könnten wir die indische
Landwirtschaft wieder so entwickeln, dass sie
zu einem Modell würde, zu einem Vorbild für andere. Aber Europa und die USA
hindern uns daran: Mit ihrer Handelspolitik,
mit ihren Geldgeberorganisationen, mit ihren multinationalen Konzernen und mit
ihren Versicherungsgesellschaften"
Devinder Sharma
Der indische Agrarexperte Devinder Sharma (1) spricht aus, was viele
Kleinbauern in den Ländern Afrikas, Asien und
Lateinamerikas denken. Dort stellen sie in vielen Ländern noch die Mehrheit der
Bevölkerung - so leben etwa mehr als die
Hälfte der 1,1 Milliarden Inder noch von der Landwirtschaft. Zum Vergleich: In
Europa und den USA sind es noch 3 Prozent.
Die Probleme der vielen hundert Millionen Kleinbauern sind auch ein wichtiger
Grund für die derzeitige Nahrungsmittelkrise.
Etwa 80 Prozent ihres Einkommens müssen die Armen in den sogenannten
Entwicklungs- und Schwellenländern ausgeben,
um ihre alltägliche Nahrung zu bezahlen. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts
haben sich die Preise für Milchprodukte,
pflanzliche Öle und Fette und vor allem für Getreide mehr als verdoppelt. Mit
gravierenden Auswirkungen: Viele können sich Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais
und Weizen nicht mehr leisten.
Galten bisher schon 850 Millionen Menschen weltweit als unterernährt - die
letzten Schätzungen der Welternährungsorganisation
( FAO (2)) stammen aus dem Jahr 2005 -, dürfte die Zahl im vergangenen Jahr
noch einmal drastisch gestiegen sein. Die Folge
davon waren Hungerrevolten in mehr als 30 Ländern Afrikas, Asiens und
Lateinamerikas. Selbst die Weltbank (3) und der
Internationale Währungsfonds warnen deshalb inzwischen vor dem Preisanstieg
für Nahrungsmittel. Der Sturz der Regierung in
Haiti war das bislang spektakulärste Indiz, das sich aus der weltweiten
Nahrungsmittelkrise entwickelt hat. Die Weltbank hat
daraufhin ein Hilfspaket über 500 Millionen Dollar vorgeschlagen - ein Tropfen
auf den heißen Stein. Denn ansonsten - daran
gibt es keinen Zweifel - soll an der bisherigen Politik festgehalten werden.
Als Ursache für die Ernährungskrise nennen die internationalen
Finanzinstitutionen selbst den erhöhten Bedarf an
Fleisch- und Milchprodukten in einigen Schwellenländern wie China und Brasilien
- und den sogenannten "Biosprit". So weit,
so richtig. Aber es gibt noch andere Gründe, und einige davon reichen weit in
die Geschichte zurück. Sie beginnen mit der
kolonialen Zurichtung der Wirtschaft vieler Länder des Südens, mit der immer
größere Sektoren der dortigen Landwirtschaft
gezwungen wurden, sich an der Nachfrage in den Kolonialmächten zu orientieren -
und nicht an der ihrer eigenen Bevölkerung.
Als die Kolonien endlich ihre politische Unabhängigkeit erkämpft hatten,
sorgten IWF und Weltbank mit ihren
Strukturanpassungsprogrammen und internationalen Abkommen dafür, dass die
Agrarproduktion dieser Länder mehr und mehr industrialisiert wurde, um
sogenannte Cash-Crops für den Export in die Industrienationen anzubauen. Eine
Politik, die bis heute euphemistisch als sogenannte "Grüne
Revolution" bezeichnet wird, aber fatale Auswirkungen hat. Zwar gab es
vorübergehende Produktivitätssteigerungen, aber der Einsatz importierter
Pestizide und Kunstdünger hat die Böden und das Grundwasser
nachhaltig verseucht.
Was für die Agrarindustrie in Europa und den USA, aber auch für die
Großgrundbesitzer in den betreffenden Ländern zu einem
lukrativen Geschäft wurde, entpuppte sich vor allem für die Bauern dort als
Bürde: Die ausgelaugten Böden verlangten nach
immer mehr Kunstdünger, die mittlerweile resistenten Schädlinge nach immer
teureren Pestiziden aus den Labors von Bayer,
DuPont, Syngenta und anderen Pharmakonzernen, die mit der Abhängigkeit ihrer
Kunden immer größere Profite machten und
nebenbei noch Produkte verkaufen (4), die hierzulande längst nicht mehr auf dem
Markt erhältlich sind. Die Bauern stürzten in eine Schuldenkrise, die bis
heute anhält ( Neue Hoffnung für Indiens Bauern? (5)). Viele verkauften ihr
Land und zogen auf der Suche
nach Arbeit in die Slums der Großstädte. Weil sich diese Hoffnung nicht
erfüllte, nahm in den 90er Jahren die Zahl der
Selbstmorde unter Bauern drastisch zu.
In den letzten Jahren sind auf Betreiben der Welthandelsorganisation (6)
nahezu alle Agrarprodukte zu globalen Waren
geworden. Der Handel mit Nahrungsmitteln ist heute weitgehend vom Interesse nach
Profitmaximierung bestimmt. Die
Verknappung der Agrarprodukte hat die hemmungslose Spekulation weiter
verschärft. Aber weder am freien Markt für
Lebensmittel, noch an der Produktion des sogenannten Biosprits und der
Exportorientierung der Agrarproduktion soll
gerüttelt werden. Im Gegenteil: Die Weltbank kritisiert die Regierungen in
Indien und China, weil sie wegen der
Nahrungsmittelknappheit ein kurzfristiges Exportverbot für Reis verhängten.
Auch die Welternährungsorganisation - die
einstmals als Stimme der Kleinbauern galt - setzt (7) inzwischen auf eine
weitere Industrialisierung der Landwirtschaft, auf
noch mehr Welthandel, auf künstliche Bewässerung und auf neues Saatgut, das in
den Labors der Konzerne entwickelt wurde,
um damit Gewinne zu machen und die verarmten Bauern in weitere Abhängigkeit zu
treiben. Vorstände von
Lebensmittelkonzernen wie Peter Brabeck von Nestlé sind der Ansicht (8), nur
Gentechnik könne heute noch die Welt vor
Hunger bewahren.
Am 17. April haben - von den hiesigen Medien nicht wahrgenommen - in Afrika,
Lateinamerika, Asien und Europa viele Kleinbauernorganisationen, Landlose und
Nichtregierungsorganisationen gegen diese Politik demonstriert (9). Im Aufruf
von
La Via Campesina (10) - einer Art internationalem Dachverband der
Kleinbauernverbände - heißt es: "Nachdem sie die
Kleinbauern enteignet haben, pressen sie jetzt die Konsumenten mit hohen
Weltmarktpreisen für Lebensmittel aus". Das
Gegenkonzept heißt "Ernährungssouveränität."
Jede Region in der Welt soll danach wieder in die Lage versetzt werden, ihre
ansässige Bevölkerung gesund und ausreichend
mit eigenen Produkten zu ernähren - ohne Giftcocktails und Gentechnik.
Ernährungssouveränität, so hieß es in einer
gemeinsamen Deklaration zahlreicher Bauernorganisationen, die im vergangenen
Jahr auf einem internationalen Forum in Mali verabschiedet wurde (11), stelle
die Menschen, die Lebensmittel erzeugten, verteilten und konsumierten, ins
Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht anonyme Märkte und die
Profitinteressen transnationaler Konzerne.
Mit ihrer Kritik stehen die Kleinbauern nicht alleine: Ende März hat der
Weltagrarrat IAASTD (12) in London einen Expertise
(13) vorgelegt. Darin werden eine schnelle Neuausrichtung der weltweiten
Landwirtschaft und eine Begrenzung der Macht der
Agrarkonzerne gefordert. Und der französische Agrarwissenschaftler Marcel
Mazoyer, Autor des Standardwerkes "Histoires
des agricultures du monde", einer Weltgeschichte der Landwirtschaft, ist
sich sicher (14), dass heute 10 Milliarden Menschen
ernährt werden könnten. Dafür würden die bestehenden Landreserven
ausreichen. Sie könnten ohne künstliche Bewässerung
und ohne weitere Waldrodung bebaut werden. Sie würden ohne Gentechnik und
Pestizide auskommen. Allerdings, so gibt er
zu bedenken, gäbe es dann keine Anbauflächen mehr für Energiepflanzen.
Links
(1) http://www.zmag.org/bios/homepage.cfm?authorID=212
(2) http://www.fao.org/
(3) http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:21729143~pagePK:64257043~piPK:437376~theSitePK:4607,00.html
(4) http://www.cbgnetwork.org/1600.html
(5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27477/1.html
(6) http://www.wto.org/english/tratop_e/agric_e/agric_e.htm
(7) http://www.fao.org/newsroom/en/news/2008/1000823/index.html
(8) http://www.umweltjournal.de/fp/archiv/AfA_naturkost/12933.php
(9) http://www.viacampesina.org/main_en/index.php?option=com_content&task=view&id=512&Itemid=1
(10) http://www.viacampesina.org
(11) http://www.nyeleni2007.org/?lang=en&lang_fixe=ok
(12) http://www.agassessment.org/
(13) http://www.agassessment.org/docs/IAASTD_backgroundpaper_280308.doc
(14) http://www.woz.ch/artikel/rss/16159.html
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